Vielfalt und Diversität: Hoteliers der LGBTQ-Community

LGBTQ-Tourismus mag für viele ein neues Phänomen sein, aber das stimmt so nicht. Hanns Ebensten gründete als Vorreiter bereits 1972 sein Unternehmen He Travel und bot im Jahr darauf die erste Tour nur für Schwule zum Grand Canyon an.

Anlässlich des Pride Month im Juni – bei dem es darum geht, die Erfolge der LGBTQ-Community zu feiern, aber auch auf deren Probleme und Schwierigkeiten in Gesellschaften auf der ganzen Welt hinzuweisen – wollten wir von Hoteliers der Community mehr über dieses Branchensegment erfahren, das sich in den letzten 50 Jahren durchaus gut entwickelt hat.

Daher werden Sie nun unter anderem Pedro und Diego, die Eigentümer des Il Segreto di Pietrafitta, kennenlernen. Sie haben die Überreste eines Bauernhauses aus dem 16. Jahrhundert inmitten der Hügel der Toskana zu neuem Leben erweckt. Für sie ist das jedoch kein Hotel im klassischen Sinne. Ihre Gäste sollen vielmehr das Gefühl haben, bei Freunden zu Besuch zu sein.

Außerdem stellen wir Ihnen Fabrice und Fabio vor. Sie wollten unbedingt ein eigenes Unternehmen führen, verließen dafür das geschäftige Paris und zogen an die sonnenverwöhnte Côte d’Azur. Dort schufen sie aus einem um 1900 errichteten Gebäude das neo-industrielle Juwel Arome Hotel Nice.

Zu guter Letzt lernen Sie Roger kennen, den Hauptgeschäftsführer des Hotels Deutsche Eiche – eine Institution in der etablierten Kunst- und Schwulenszene Münchens. Das Hotel gibt es bereits seit 1928, aber die neuen Eigentümer Dietmar und Sepp gestalteten es 1993 erfolgreich neu.


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Warum sind Sie Hoteliers geworden?

Pedro und Diego: Die Begeisterung für fremde Kulturen, unser Wunsch, eine Beziehung zu unseren Gästen aufzubauen, und die Liebe zu Italien haben uns dazu bewogen, Hoteliers zu werden. Wir gehen unserer Arbeit täglich mit Herzblut nach und unsere Gäste merken das, sobald sie unser Bauernhaus betreten. Wir möchten, dass sie sich entspannen und ihren Tagträumen nachhängen können, und vor allen Dingen, dass ihnen ihr Urlaub in der Toskana für immer in Erinnerung bleibt.

Fabrice und Fabio: Für uns war die Beziehung zu anderen Menschen ausschlaggebend. Vor unserem Wechsel in die Hotelbranche hatten wir beruflich auf verschiedenen Ebenen viel mit Menschen unterschiedlicher Herkunft und Nationalität zu tun (Fabrice im Personalwesen, Fabio im Inbound-Tourismus). Diese Erfahrungen können wir in unserem Hotelbetrieb auf vielerlei Weise nutzen – ob bei der Einhaltung von Gesetzen, der Beschaffung und Personalverwaltung oder im Umgang mit unseren Gästen.

Roger: Ich habe davor in einer Bank gearbeitet, fand diese Tätigkeit aber relativ langweilig, weil die Dienstleistungen der Finanzbranche einfach so wenig greifbar sind. Ich war auf der Suche nach einem Bereich, in dem ich mein Wissen über Wirtschaft, Finanzen und Marketing auf ganz neue, alltagstaugliche Weise einsetzen konnte. Das Hotelgewerbe hat mich immer schon fasziniert und ich bin gern gereist. Also habe ich vor etwas mehr als zehn Jahren den Sprung gewagt, auch wenn die Gehälter in dieser Branche im Durchschnitt geringer sind.

Ich genieße es, täglich Gelegenheit zu haben, mit Menschen zu kommunizieren und Probleme nicht nur mit intellektueller, sondern auch emotionaler Intelligenz zu lösen.

Pedro und Diego vom Il Segreto di Pietrafitta

Welche Herausforderungen gibt es für Hoteliers insbesondere in der LGBTQ-Community?

Pedro und Diego: Sprechen wir doch zuerst einmal über die wichtigsten Eigenschaften eines guten Hoteliers: Dieser sollte empathisch, geduldig und geistig flexibel sein. Jeder Gast ist anders und hat seine ganz eigenen Erfahrungen, die ihn zu dem Menschen machen, der er ist. Unsere Aufgabe als Hoteliers ist es, die Wünsche der Gäste zu erkennen, zu erfüllen und dafür zu sorgen, dass ihr Aufenthalt unvergesslich wird und ganz ihren Anforderungen entspricht. Im Hinblick auf die LGBTQ-Community ist die größte Herausforderung für Hoteliers, immer – auch bei der Arbeit – authentisch zu sein. Wir sind verheiratet und arbeiten täglich zusammen. Alle unsere Gäste wissen das und das ist auch gut so. Wie alle Menschen müssen wir stets wir selbst sein.

Fabrice und Fabio: Unserer Meinung nach ist es die Notwendigkeit, immer perfekten Service zu bieten, sowie unbedingter gegenseitiger Respekt zwischen uns und allen Typen von Gästen.

Roger: Für einige in einer gehobenen Leitungsposition scheint die Work-Life-Balance ein großes Problem zu sein – kein Urlaub, kein Wochenende, selten ein freier Tag. Für mich ist derzeit die größte Herausforderung meine Doktorarbeit, die ich trotz hoher Arbeitsbelastung schreibe. Wer in einem Familienunternehmen oder kleinen Hotel arbeitet, braucht außerdem körperliche Kraft und Ausdauer, denn man sitzt ja nicht den ganzen Tag im Büro. Wenn doch, läuft vermutlich etwas falsch, denn man muss schon in den täglichen Betrieb eingebunden sein, um mit den Gästen und dem Personal in Kontakt zu bleiben. Für Menschen, die gern in ihrem Elfenbeinturm bleiben, ist diese Branche nichts.

Welche Reisetrends beobachten Sie in der LGBTQ-Community?

Pedro und Diego: Reisende sind heute sehr gut informiert, wissen, was sie wollen, und planen ihren Urlaub oft Monate oder Jahre im Voraus. LGBTQ-Reisende wählen ihre Unterkunft sehr sorgfältig aus. Sie buchen Hotels, in denen sie sich sicher wohlfühlen, sie selbst sein können und sich mit ihren Angehörigen erholen können, ohne unangenehme – oder sogar gefährliche – Situationen erleben zu müssen. Alle Reisenden möchten sich im Urlaub entspannen und schöne Dinge erleben. Voraussetzung für einen geruhsamen Aufenthalt ist jedoch eine friedliche Umgebung ohne jegliche Vorurteile. Das sollte heutzutage zwar selbstverständlich sein, ist es aber häufig leider nicht.

Fabrice und Fabio: Wir haben festgestellt, dass kulinarische Touren und Weinproben für unsere Gäste immer noch zu touristisch sind. Wenn sie uns jedoch vor oder während ihres Aufenthalts fragen, wo sie in Nizza großartige französische Küche genießen können, empfehlen wir ihnen die Restaurants, die wir auch selbst besuchen. Außerdem liegt in jedem Zimmer eine Broschüre von Escufignous aus, in der die besten Restaurants der Stadt aufgeführt sind. Unserer Erfahrung nach schätzen Gäste diese Art von Information.

Roger: Ich beobachte verschiedene Trends. Einer ist, dass LGBTQ-Reisende sich nicht mehr so stark vom Rest der Gesellschaft isolieren wie in der Vergangenheit. Darüber hinaus hat sich ein Teil der Schwulenszene ins Internet verlagert, weswegen an vielen Orten die Anzahl der Schwulenbars und -diskotheken abgenommen hat. Einige sehr stark spezialisierte Destinationen, wie die bei schwulen Reisenden beliebten europäischen Strände oder auch Berlin, könnten diese Zielgruppe jedoch weiterhin durch besondere Veranstaltungen und Unterhaltungsangebote ansprechen.

Fabrice und Fabio vom Arome Hotel Nice

Welchen Tipp haben Sie für Hoteliers, die ihre Unterkunft in der LGBTQ-Community bewerben möchten?

Pedro und Diego: Unser Tipp ist ganz einfach: Seien Sie authentisch. Hotelier zu sein, bedeutet, das Gastgewerbe zu lieben und neugierig auf die Welt und andere Menschen zu sein. Jeder Hotelier muss die Türen seiner Unterkunft öffnen und alle Gäste gleich behandeln, egal, wer sie sind. Wenn die Unterkunft von Schwulen betrieben wird, sollten sie sowohl bei der Arbeit als auch in digitalen Kanälen wie Social Media einfach sie selbst sein. Die beste Strategie zur Bewerbung einer Unterkunft ist Authentizität. Es lohnt sich immer, sich nicht zu verstecken. Und wer Liebe sät, wird auch Liebe ernten.

Fabrice und Fabio: Seien Sie so natürlich und offen wie möglich. Und vermeiden Sie negative Klischees, die Ihre LGBTQ-Gäste vor den Kopf stoßen könnten.

Roger: Eine LGBTQ-freundliche Unterkunft braucht deutlich mehr als einen Regenbogenaufkleber am Eingang oder eine Regenbogenfahne an der Fassade. Man muss dieses Marktsegment und seine verschiedenen Aspekte kennen und auch selbst „leben“.

Ich habe schon diverse verzweifelte Versuche internationaler Hotelketten beobachtet, die versuchten, sich als gay-friendly und offen für Vielfalt darzustellen. Dabei war es offensichtlich, dass sie nur daran interessiert waren, an der LGBTQ-Community zu verdienen. Sie standen aber nicht wirklich hinter ihrer Botschaft und hatten ihr Personal nicht entsprechend geschult. Wenn dir die Person an der Rezeption in einem weniger toleranten Land das Gefühl vermittelt, dass es peinlich ist, mit einem gleichgeschlechtlichen Partner oder einer Partnerin anzureisen, ist das millionenschwere Marketingbudget zum Fenster hinausgeworfenes Geld.


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Mit welchen Marketingstrategien sind Sie in der LGBTQ-Community erfolgreich?

Pedro und Diego: Auf die Gefahr, uns zu wiederholen: Unser Geheimnis ist wirklich, einfach wir selbst zu sein. Wir präsentieren uns über unsere Marketingkanäle (Website, Buchungsplattformen, Social Media) gern auf transparente, authentische Weise. So gewinnen wir Gäste, deren Mentalität der unseren ähnelt.

Im Hotelgewerbe, insbesondere in einem Boutique-Hotel wie unserem, ist es unserer Meinung nach auch wichtig, die Gastgeber zu kennen, denn Gäste im Hotel zu begrüßen ist fast, als würde man sie zu Hause willkommen heißen. Unsere Unterkunft spiegelt unser Wesen in jedem Winkel wider und repräsentiert uns und unsere Offenheit gegenüber den Gästen. Das ist die für uns beste Marketingstrategie.

Fabrice und Fabio: Personalisierte Angebote kommen bei unseren Gästen immer gut an. Sie sind von der Buchung bis zur Abreise ungemein wichtig. Sobald eine Buchung bei uns eingeht, schicken wir unseren zukünftigen Gästen zum Beispiel eine E-Mail mit den Details der Buchung und erkundigen uns, wann und mit welchem Transportmittel sie anreisen. Je nach Antwort beschreiben wir ihnen dann den schnellsten und einfachsten Weg zu unserem Hotel. An- und Abreise sind für Reisende immer stressig, daher bemühen wir uns sehr, unangenehme Situationen zu vermeiden. Das ist unser Ziel.

Sobald unsere Gäste eintreffen, begrüßen wir sie herzlich und sorgen dafür, dass sie sich wie zu Hause fühlen. Außerdem sind wir gern bereit, sie auf versteckte Ecken der Stadt aufmerksam zu machen, die die meisten Touristen gar nicht kennen. So können unsere Gäste Nizza aus dem Blickwinkel der Einheimischen kennenlernen.

Roger: Es ist wichtig, die Sprache der Gäste zu sprechen und zu wissen, was sie interessiert. Dabei gelten dieselben Regeln wie bei anderen segmentspezifischen Marketingbemühungen: Sie müssen Ihre Kundschaft und die Vielfalt der Community kennen. Wenn Sie LGBTQ-Gäste jedoch in einem künstlich schwulen Ton ansprechen, merken diese das sofort.

Sepp, Roger und Dietmar vom Hotel Deutsche Eiche

Was erwarten Sie für die Zukunft von LGBTQ-Reisen?

Pedro und Diego: Wir denken, dass LGBTQ-Tourismus ein enormes Wachstumspotential hat, insbesondere in Zeiten wie diesen, denn Reisen haben wir doch alle während der Lockdowns mit am meisten vermisst. Reisen sollen ein Vergnügen sein, daher ist die sorgfältige Wahl der Unterkunft ein wesentlicher Faktor für einen erfolgreichen Urlaub. LGBTQ-Reisende sollen sich mehr noch als andere in ihrer Unterkunft willkommen und wohl fühlen.

Dank moderner digitaler Tools können LGBTQ-Reisende bei der Auswahl ihrer Unterkunft darauf vertrauen, dort so akzeptiert zu werden, wie sie sind. Das macht ihren Urlaub letztendlich unvergesslich. Reisende sollen glücklich und sorgenfrei sein und vor allem sie selbst sein können.

Fabrice und Fabio: Hoteliers sollten bedenken, dass es heute mehr LGBTQ-Familien gibt als je zuvor. Seien Sie daher bereit, auch diese Reisenden mit offenen Armen zu empfangen und ihnen den Aufenthalt in Ihrer Unterkunft so angenehm wie möglich zu machen.

Roger: Aufgrund der steigenden Einkommen und des höheren Wohlstands in vielen Regionen der Welt, z. B. in Süd- und Ostasien, Osteuropa und den arabischen Ölstaaten, kommen immer neue LGBTQ-Touristen zu uns. Tatsächlich haben wir die Erfahrung gemacht, dass gerade aus homophoben Ländern einige der engagiertesten, wenn auch nicht unbedingt wohlhabendsten LGBTQ-Reisenden kommen, die sich nach den Freiheiten sehnen, die wir hier im Westen haben.

Ich bin im Hinblick auf die Zukunft von LGBTQ-Reisen optimistisch, aber die neue Welle politisch und religiös motivierter Fanatiker in einigen Ländern, die versuchen, grundlegende Menschenrechte abzuschaffen oder einzuschränken sowie die Entwicklung in eine faschistische Richtung voranzutreiben, macht mir Sorgen. Wir müssen diesen Bewegungen gezielt etwas entgegensetzen und uns für Schwulenrechte stark machen. Die offene, entspanntere Haltung vieler junger Menschen ist dagegen ein Grund zur Hoffnung. Ich denke, dass sich die Schwulenbewegung weiterentwickeln wird und es auch in den Entwicklungsländern mehr schwule Reisende geben wird, wovon Anbieter im LGBTQ-Hotel- und -Gastgewerbe profitieren.

Profilfoto von Jose Pablo Garcia auf Unsplash:


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